Labormedizin

Einfluss- und Störgrößen

Einflussgrößen

  • Geschlecht: Zahlreiche Analyten haben verschiedene Referenzbereiche bei Frauen und Männern (Sexualhormone, Creatinkinase, Creatinin, Erythrozytenzahl und Hämoglobin, Harnsäure, Chole­sterin).
  • Alter: Erhöhte Hämoglobin- und Bilirubinkonzentration bei Neugeborenen, vermehrte Aktivität der alkalischen Phosphatase in der Wachstumsphase, Abnahme der Geschlechtshormone in der Menopause.
  • Erbfaktoren: Bei Personen mit Blutgruppe 0 ist die Aktivität des von Willebrand-Faktors niedriger.
  • Rasse: Bei Afrikanern findet sich eine geringere Leukozytenzahl, aber eine höhere Serumkonzen­tration von Vitamin B12, Creatinkinase und Amylase. Chinesen und Japaner haben eine geringere Alkoholdehydrogenase-Aktivität.
  • Gewicht und Muskelmasse zeigen eine Korrelation mit den Blutkonzentrationen von Harnsäure, Cholesterin, Creatinin, Protein und Insulin.
  • Ernährungsgewohnheiten und körperliche Aktivität: Harnstoff-, Harnsäure- und weniger Creatinin-Konzentration im Blut sind von der mittelfristigen Proteinzufuhr abhängig. Die Blutglucose steigt nach Mahlzeiten stark an. Eine einzelne fettreiche Mahlzeit steigert den Triglyceridspiegel, nicht aber den Cholesteringehalt des Blutes. Kalium- und Phosphatkonzentration im Blut sinken nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit als Folge einer erhöhten Insulinsekretion. Andauernde schwere körperliche Arbeit und Traumen führen zu Creatinkinase-Erhöhungen. Es ist wichtig, die Patienten  bei entsprechenden Analysen auf die Einhaltung der Nahrungs­karenz vor der Blutentnahme hinzuweisen.
  • Nikotin (Rauchen): Bei chronischen Rauchern steigen die Konzentrationen von C-reaktivem Protein und Carcinoembryonalem Antigen (CEA). Hämoglobin, Erythrozyten und Leukozyten sind erhöht, ebenso der CO-Hämoglobingehalt.
  • Alkohol: Auch ein einmaliger, starker Alkoholkonsum zeigt eine leichte Erhöhung der Transaminase Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Harnsäure- und Laktatkonzentration sind erhöht, die Glucosekonzentration vermindert. Auf chronischen Alkoholkonsum reagieren folgende Analyte mit erhöhten Meßwerten: Gamma-GT, ALT, AST, MCV und CDT (Kohlenhydrat-defizientes Trans­ferrin).
  • Schwangerschaft: Das Zunehmen des Plasmavolumens um etwa 50 % hat als Folge den Abfall der Erythrozytenkonzentration, des Hämoglobins und des Proteins. Es ändert sich nicht nur der Hormonspiegel (Progesteron, Estriol, Prolaktin), sondern auch andere Analyten, wie die alkalische Phosphatase oder Alpha-1-Fetoprotein. In der Schwangerschaft und bei Einnahme von Ovulationshemmern kann eine niedrigere Aktivität des Protein S festgestellt werden.
  • Stress bewirkt eine Ausschüttung von Corticotropin (ACTH), Adrenalin, Cortisol, Prolaktin, So­matotropin (STH), Thyreotropin (TSH) und Renin.
  • Biorhythmen: Man unterscheidet jahreszeitliche Schwankungen wie beim Calcidiol (Vitamin D) mit höchsten Werten im Sommer und Minima im Winter sowie Thyreotropin (TSH) mit niedrigsten Werten im Frühjahr, wöchentliche wie Fertilitätshormone in Abhängigheit vom Menstruations­zyklus, und circadiane Rhythmen. Der Begriff definiert biologische Prozesse mit einer 24-Stunden-Periodizität (Corticotropin [ACTH], Cortisol, Prolaktin, Somatotropin [STH], Thyreotropin [TSH], Eisen, Phosphat, Pyridinium-Crosslinks, u. a.).
  • Körperlage: Beim Übergang vom Liegen zum Sitzen kommt es zu einer Konzentrierung von Blut­zellen, Protein und an Protein gebundenen Substanzen. Betroffen sind Erythrozyten, Hämoglobin, Hämatokrit, Protein, Calcium, Phosphat, Glucose, Leukozyten, Cholesterol, LDH.
  • Diagnostische Maßnahmen und Medikamente: Prostatapalpation führt zu einer Erhöhung des PSA, intramuskuläre Injektion zu einer Erhöhung der Creatinkinase und Myoglobin. Medikamente treten nicht nur in vivo als Einflussgröße auf, sondern auch als in vitro wirksame Störfaktoren.
  • Venöse Stauung: In ähnlicher Weise wie eine Änderung der Körperlage führt die Stauung der Venen zu einer Plasmaverschiebung in das Interstitium und zu Konzentrationsänderungen. Die Konzentration proteingebundener Analyte (Eisen, Calcium, Bilirubin, Cholesterin) und der Proteine (Enzyme) steigt mit der Stauzeit an. Die Stauzeit soll maximal 1 Minute betragen.

Störgrößen

Störgrößen können in Folge von Fehlern bei der Probengewinnung, durch Verunreinigungen und durch anormale Eigenschaften der Probe auftreten. Sie beeinflussen die Messgrößen eines Analyten außerhalb des Organismus („in vitro“), also nach Probenentnahme. Sie können sowohl methoden­abhängig als auch methodenunabhängig sein.

  • Hämolyse kann die Laborbefunde verfälschen durch Erhöhung der Plasmakonzentrationen, vor allem von Kalium, LDH, AST (GOT) und durch analytische Interferenzen über das freigesetzte Hämoglobin. Ursachen sind intravasale Hämolyse (durch pathologische Prozesse wie hämoly­tische Anämien, Transfusionszwischenfälle, durch Toxine, Gifte, Infektionserreger oder infolge von mechanischer Schädigung der Erythrozyten) oder extravasale Hämolyse (traumatische Blutent­nahme, zu lange Stauung, zu schnelles Anziehen des Gefäßstempels, Schütteln des Probenge­fäßes, unsachgemäße Lagerung, zu frühes oder verspätetes Zentrifugieren).
  • Lipämie: Lipämische Blutproben können alle photometrischen Assays durch Lichtstreuung und Absorption stören (Glucose, Phosphat, Bilirubin, Harnsäure, Gesamteiweiß). Auch turbidimetrische und nephelometrische Analysen (Immunglobuline, Serumalbumin, Haptoglobin, Coeruloplasmin, Transferrin) werden in unterschiedlichem Maße beeinträchtigt. Die häufigsten Ursachen einer Lipämie sind fetthaltige Mahlzeiten. Blutproben für Untersuchungen des Fettstoffwechsels sollten frühestens nach einer Fastendauer von 12 Stunden abgenommen werden.
  • Ikterus: Erhöhte Bilirubinkonzentrationen im Serum können Labortests durch spektrale und che­mische Interferenzen stören (Glucose, Triglyceride, Harnsäure).
  • Kontaminierungen: Fehlerhafte Messwerte sind zu erwarten, wenn Blutproben aus intravenösen Dauerkathetern entnommen werden. (z. B. Gerinnungsparameter, da die Katheter mit heparinhaltigen Lösungen gespült werden). Auch Infusionlösungen, die eine Blutprobe kontaminieren, führen zu falsch niedrigen Messwerten aufgrund der Verdünnung der Probe durch die Flüssigkeiten.
  • Licht: Proben müssen vor Licht geschützt werden, wenn folgende Analyte bestimmt werden sollen: Bilirubin, Folat, Vitamine (A, B, C, E, K), Porphyrine, Pharmaka (Methotrexat, Nitrazepam, Rifampicin, Isoniazid).

Untersuchungsmaterialien und Probengewinnung

Blut

Das häufigste Untersuchungsmaterial für das klinische Laboratorium ist Blut. Man unterscheidet:

  • Nativblut: Das zirkulierende  Blut innenhalb der Gefäße, bestehend aus korpuskulären Komponen­ten (Blutzellen) und einer flüssigen Komponente, dem Plasma.
  • Vollblut: Wird durch Venenpunktion, Arterien- oder Kapillarenpunktion gewonnen. Beim Verlassen der Gefäße setzt die Gerinnung sofort ein. Es enthält die Konzentrationen und Eigenschaften der Be­standteilen gegenüber dem in-vivo-Zustand möglichst unverändert.
  • Serum ist der zellfreie Anteil von Vollblut. Serum ist frei von Fibrinogen und Fibrin. Serum kann tiefgefroren und in diesem Zustand lange Zeit aufbewahrt werden.
  • Heparin-, EDTA- und Citrat-Blut: Durch die Zugabe von Antikoagulanzien kann im Vollblut der Gerinnungsprozess verhindert werden. Der Überstand, der nach Zentrifugieren von an­tikoagulier­tem Blut entsteht, ist das Plasma. Plasma enthält Gerinnungsfaktoren, die durch Neu­tralisation der Antikoagulanzien reaktiviert werden können.
  • Plasma ist der zelllfreie Überstand des mit Antikoagulans versetzten Blutes nach Zentrifugation
  • Antikoagulanzien stellen Zusätze dar, die bewirken sollen, dass der zu messende Analyt durch Hemmung der Gerinnung des Blutes möglichst unverändert bis zum analytischen Prozess erhalten bleibt. Die Antikoagulation wird durch Bindung von Calciumionen (EDTA, Citrat) oder durch Antithrombinaktivität (Heparinat) erreicht. Plasma kann tiefgefroren lange Zeit aufbewahrt werden.
  • Natriumfluorid-Blut ist Vollblut, das mit Natriumfluorid (ein Antikoagulanz und Glycolysehemmer) versetzt wurde. Es wird für die Bestimmung von Glucose und Lactat verwendet; dennoch ist mit ca. 10 % Glucose­abbau zu rechnen.
  • Kapillarblut entsteht durch Punktion von Hautgewebe, das reich an Kapillaren ist. Es wird folglich aus der Fingerbeere, der Ferse oder dem Ohrläppchen gewonnen. Die Blutgaswerte von Kapillar­blut entsprechen denen von arteriellem Blut.
  • Arterielles Blut wird durch Punktion von leicht zugänglichen Arterien gewonnen. Es wird für die Analyse von Blutgasen verwendet.

Venöses Blut

Für die Gewinnung von venösen Blutproben werden verschiedene Probenröhrchen, leer oder mit Anti­koagulanzien, Additiven oder Gerinnungsaktivatoren zur Verfügung gestellt. Die meisten Röhrchen sind mit farbcodierten Verschlüssen und Kappen versehen, die auf die entsprechenden Additive hinweisen.

Serumröhrchen sind Röhrchen ohne Zusätze aus Glas oder Kunststoff für die Gewinnung von Vollblut. Für die Bestimmung von Spurenelementen oder für toxikologische Analysen sind Kunststoff­röhrchen geeignet. Glasröhrchen können für chemische, immunologische und infektionsserologische Untersuchungen aus Serum verwendet werden.

Serumröhrchen mit Trenngel der Firma Sarstedt.Serumröhrchen der Firma Becton Dickinson.

Serumröhrchen mit Trenngel der Firma Sarstedt (links) und Serumröhrchen der Firma Becton Dickinson (rechts).


Serumröhrchen mit Gerinnungsaktivatoren (Kaolin, Silica), gewöhnlich aus Kunststoff, können z. B. in Notfallsituationen benutzt werden, wenn die Gerinnungszeit wegen der Dringlichkeit der Analyse sehr kurz gehalten werden muss. Serumröhrchen mit Gerinnungsaktivatoren und Trenngel bilden nach Zentrifugation eine dichte Trennschicht über dem Blutkuchen und verhindern den Kontakt von Serum mit Blutzellen.

EDTA-Röhrchen: K2EDTA ist das Antikoagulans der Wahl für Blutbildanalysen. Das Blut muss sofort nach der Abnahme mit dem im Röhrchen vorhandenen Antikoagulans drei- bis fünfmal über Kopf geschwenkt werden. EDTA-Blut darf nur in Ausnahmefällen (z. B. für Glutathion) tiefgefroren werden.

EDTA-Röhrchen der Firma Sarstedt.EDTA-Röhrchen der Firma Becton Dickinson

EDTA-Röhrchen der Firma Sarstedt (links) und EDTA-Röhrchen der Firma Becton Dickinson (rechts).


Heparinröhrchen enthalten Natriumheparinat oder Lithiumheparinat. Sie werden für HLA-Typi­sierung, zytogenetische Untersuchungen, Quantiferon-Test, Lymphocytentransformationstest (LTT) verwendet.

Heparin-Röhrchen der Firma SarstedtHeparin-Röhrchen der Firma Becton-Dickinson

Heparin-Röhrchen der Firma Sarstedt (links) und Heparin-Röhrchen der Firma Becton Dickinson (rechts).


Citratröhrchen: Für Gerinnungsuntersuchungen wird ein Mischungsverhältnis 1 + 9, für die Blut­senkungsreaktion ein Verhaltnis 1 + 4 verwendet. Es ist wichtig, dass die vorgeschriebenen Mischungsverhältnisse von Antikoagulanzien und Blutvolumina eingehalten werden. Über- oder Unterfüllung verfälschen die Messergebnisse, wobei eine Abweichung von mehr als 10 % nicht toleriert werden kann. Bei einer Citratkonzentration von 0.109 mmol/L werden dem Blut die Calciumionen entzogen. Im Rahmen der Laboranalytik ist durch Zugabe von Calcium eine Recalzifizierung und da­mit ein Starten der Gerinnungsreaktion möglich. Das Mischungsverhältnis zwischen Citrat und Blut soll 1 + 9 bei Hämatokritwerten zwischen 25 und 60 % betragen. Bei niedrigeren bzw. höheren Hämato­kritwerten ist eine Anpassung des Citratvolumens erforderlich. Das Blutvolumen, welches zu 0.5 mL Citrat zugefügt werden soll, entspricht der Formel: [60/(100-Hämatokrit)] x 4,5.

Citrat-Röhrchen der Firma Sarstedt.Citrat-Röhrchen der Firma Becton-Dickinson.

Citrat-Röhrchen der Firma Sarstedt (links) und Citrat-Röhrchen der Firma Becton Dickinson (rechts).


 

NaF-Röhrchen haben neben dem Glycolysehemmer Natriumfluorid als zusätzliches Antikoagulans Kaliumoxalat oder Na2EDTA. Nach Zentrifugieren wird NaF-Plasma erhalten. Plasma wird für die Bestimmung von Glucose, Lactat und Pyruvat verwendet.

Natriumfluorid-Röhrchen der Firma Sarstedt.Natriumfluorid-Röhrchen der Firma Becton-Dickinson.

Natriumfluorid-Röhrchen der Firma Sarstedt (links) und Natriumfluorid-Röhrchen der Firma Becton Dickinson (rechts).


 

Kapillarblut

Die Hautkapillaren von Fingern, Fersen oder Ohrläppchen werden mit einer Lanzette punktiert und die austretenden Blutstropfen auf Glasobjektträger oder Teststreifen aufgebracht, alternativ in Mikroge­fäßen gesammelt, die mit Heparin (Blutgasanalyse) oder EDTA beschichtet sind. Die meisten Blut­proben für Streifen- und Point-of-care-Tests (POCT) stammen aus Kapillarblut, wie z. B. für die Über­wachung der Glucosekonzentration oder für den Quick-Test. Kapillarblut ist vorteilhaft, wenn nur kleine Blutmengen benötigt werden oder die Blutgewinnung, wie bei Neugeborenen und Kleinkindern, schwierig ist.

Jedes unerwartete oder mit der Klinik nicht in Einklang stehende Ergebnis, das mit Kapillarblut erhalten wird, sollte durch Laboruntersuchungen mit Serum- oder Plasmaproben kontrolliert werden.

Arterielles Blut

Durch Arterienpunktion gewonnene Blutproben dienen der Blutgasanalyse und der Bestimmung des Säuren-Basen-Haushalts.

Die Blutentnahme

Jede Blutentnahme bedingt eine Verletzung von Blutgefäßen und setzt das Einverständnis des Pa­tienten (falls nicht bewusstlos) voraus. Es darf nur einwandfreies und steriles Material Vewendung finden. Blut sollte immer als potenziell infektiös angesehen werden. Allgemeine Vorsorgemaß­nahmen der Infektionsprophylaxe müssen vorhanden sein und vorgenommen werden.

Blutentnahmesysteme: Vakuumröhrchen (z. B. Vacutainer) sind Glas- oder Kunststoffröhrchen. Das Vakuum ist so bemessen, dass die Röhrchen mit dem angegebenen Blutvolumen gefüllt werden. Die Gummistopfen sind den zugegebenen Additiven entsprechend farbkodiert. Spritzensysteme (z. B. Monovette) sind Sammelröhrchen, die einer Spritze mit einem Stempel ähneln, auch farbkodiert und in verschiedenen Größen erhältlich.

Punktionskanüle und Butterfly: Die meisten Punktionskanülen sind mit Sicherheitsverschlüssen ausgestattet, die nach der Venenpunktion den Austritt von Blut solange verhindern, bis das Proben­röhrchen angeschlossen wurde. Der Durchmesser von Punktionskanülen wird in Gauge (G) ange­geben. Je größer der G-Wert, desto kleiner der Durchmesser der Nadel. Üblicherweise werden Nadeln von 20 und 21 G verwendet. Für kleine Venen oder bei Kindern ist der Butterfly zu empfehlen.

Andere Materialien: Adapter, Stauschlauch, Tupfer, Pflaster, Abfalleimer, Handschuhe und Augen­schutz.

Venöse Blutennahme

  • Bereitlegen aller Materialien
  • Durch Befragen des Patienten die Daten auf dem Auftragsschein prüfen
  • Die Röhrchen mit Namen, Vornamen und Geburtsdatum beschriften oder mit einer Nummer (Barcode) versehen, die den Patienten eindeutig identifiziert
  • Der Patient sollte unmittelbar vor der Entnahme mindestens 5 Minuten sitzend oder liegend ruhen
  • Die Blutentnahme sollte zwischen 7 und 9 Uhr morgens bei liegendem oder sitzendem Patienten vor der Einnahme von Medikamenten und vor Durchführung intramuskulärer Injektionen statt­finden
  • Als Entnahmestelle eignen sich die oberflächlichen Venen der Ellenbeuge, des Unterarms und des Handrückens. Entnahmestelle inspizieren, Stauschlauch eine Handbreit über der Entnah­mestelle anlegen und palpatorisch eine geeignete Vene aufsuchen. Mit Desinfektionspray die Entnahmestelle ansprühen, mit einem Tupfer abwischen und erneut  ansprühen, 30 - 60 Sekunden bis zum Abtrocknen warten
  • Handschuhe anziehen, die Kanüle auf das Entnahmesystem aufsetzen und den Nadelschutz ent­fernen
  • Mit der Schliffseite der Kanüle nach oben und unter einem Winkel von < 30° schnell die Haut durchstechen und die Vene punktieren, gegebenenfalls dabei die Haut spannen und damit die Vene fixieren
  • Wenn Blut aspiriert werden kann, die Stauung lösen und nacheinander die vorgesehenen Proben­röhrchen füllen
  • Alle Röhrchen mit Antikoagulans unmittelbar nach der Abnahme durch Schwenken gut durch­mischen, damit die Gerinnung vollständig gehemmt wird
  • Am Ende die Nadel entfernen, den Nadelschutz aktivieren und die Nadel in den Abfallbehälter geben; Punktionsstelle mit Tupfer komprimieren
  • Nach 2 - 3 Minuten die Punktionsstelle mit Pflaster versorgen

Die Materialien werden in folgender Reihenfolge abgenommen:

  1. Blutkulturen
  2. Vollblut
  3. Citrat-Blut
  4. Heparin-Blut
  5. EDTA-Blut
  6. NaF-Blut

Kapilläre Blutentnahme

Stechhilfen: Einmallanzette mit geschliffener Punktionsfläche, gebrauchsfertige Einmalsicherheits­lanzette mit Lanzettengehäuse (kontakt- oder manuell aktiviert). Probenröhrchen: Mikrogefäße und Mikrosammelröhrchen verschiedener Größen, farbkodiert und je nach Verwendungszweck mit Gerinnungsaktivatoren oder Antikoagulanzien beschichtet. Objektträger werden für die Anfertigung von Blutausstrichen vor Ort verwendet.

Punktion der Fingerbeere:

  • Zur Punktion eignet sich der dritte Finger der nicht dominanten Hand des Patienten
  • Die Fingerspitze wird mit einem alkoholgetränkten Tupfer desinfiziert und trocken gewischt. Flüssigkeitsreste an der Punktionsstelle können die Probe verdünnen oder kontaminieren
  • Mit einer Stechhilfe wird die Haut außerhalb des Zentrums der Fingerbeere punktiert
  • Das Kapillarblut muss frei aus der Punktionsstelle fließen. Der erste Tropfen Blut muss mit einem Tupfer gewischt und verworfen werden (er ist mit Gewebeflüssigkeit verunreinigt)
  • Das Kapillarblut wird in geeigneten Sammelgefäßen aufgefangen oder zur Herstellung von Blut­ausstrichen verwendet
  • Zur Blutstillung wird ein Tupfer einige Minuten auf die Punktionsstelle gepresst

Verarbeitung und Lagerung von Blutproben

Zentrifugation

Für einige Analysen ist es notwendig, schon vor dem Transport in das Labor das Serum bzw. das Plasma von den festen Blutbestandteilen zu trennen. Mit einer Zentrifuge kann man in kurzer Zeit die festen Blutbestandteile vom Serum bzw. vom Plasma trennen. Dabei ist die Beachtung der Zentri­fugalbeschleunigung wichtig.

Es empfiehlt sich, Blutabnahmegefäße in 90°- Ausschwingrotoren zu zentrifugieren, da nur hier die spätere Sedimentoberfläche einen rechten Winkel zur Röhrchenoberfläche bildet. Diese erleichtert das spätere Abpipettieren des Serums/Plasmas. Die Formel zur Berechnung der sogenannten "Relativen Zentrifugalbeschleunigung" lautet:

RZB = 1,118 x 10-5 x r x f

Hierbei sind:

RZB:  Relative Zentrifugalbeschleunigung in Vielfachem der Erdbeschleunigung g = 9,81 m/s2
r:        Radius des Rotors in cm
f:        Umdrehungsfrequenz in Umdrehungen pro Minute (U/min)

Folgende Zentrifugationseinstellungen (bei 15 – 24 °C) sind zu wählen:

Serum: Nach Abschluss der Gerinnung (etwa 30 min) sollte die Probe mindestens 10 min bei einer RZB von 3000 x g zentrifugiert werden.

Plasma: Um zellfreies Plasma zu erhalten, ist antikoaguliertes Blut (Citrat-, EDTA- oder Heparin-Blut) mindestens 15 min bei einer RZB von 2500 x g (bis maximal 3000 x g) zu zentrifugieren.

Probenlagerung in der Praxis

Probenmaterial/Analyse Empfohlene Lagerungsbedingungen

Serum/zentrifugierte Monovette
alle Analysen

Kühlschrank (2 - 8 °C)

EDTA-Blut
Blutbildanalyse

Raumtemperatur, nur am selben Tag

EDTA-Blut
Molekularbiologie

Kühlschrank (2 - 8 °C), separates und ungeöffnetes Röhrchen

EDTA-Blut
Lymphozytentypisierung, HLA B 27

Raumtemperatur (15 - 25 °C), nur am selben Tag
Citrat-Blut/-Plasma
Hämostaseologische Analysen
(Spezial-Gerinnung: 2 Monovetten)
Raumtemperatur (15 - 25 °C), nur am selben Tag, ansonsten Citrat-Plasma
tiefgefroren einsenden
Liquor
Protein-Diagnostik/Klinische Chemie
Kühlschrank (2 - 8 °C), am selben Tag einsenden
Urin Kühlschrank (2 - 8 °C)

Probenstabilität und Lagerung bei Raumtemperatur

Haltbarkeit Material Analyse
 bis 4 Stunden Citrat-Plasma Gerinnung
  Citrat-Blut Blutsenkung
  Serum Bilirubin (dunkel halten)
 bis 16 Stunden EDTA-Blut Großes Blutbild
 bis 24 Stunden EDTA-Blut Kleines Blutbild
  Serum Enzyme
 bis 72 Stunden EDTA-Blut Blutgruppen
  EDTA-Blut Coombs-Test
  EDTA-Blut Hämoglobinelektrophorese
 über 72 Stunden Serum Steroidhormone
  Serum Tumormarker
  Serum Immunglobuline
  Serum

Autoantikörper/Infektionsserologie

Analyte mit besonderen Lager- und Transportbedingungen

Für eine Reihe von Laboruntersuchungen ist die Einhaltung spezieller Transportbedingungen für eine zuverlässige Untersuchung notwendig.

Analyte, die gefroren verschickt werden

Analyt

Material

Adiuretin (ADH, Vasopressin) 

EDTA-Plasma/Serum 

Adrenalin 

EDTA-Plasma/Urin 

Aldosteron 

Serum, Urin 

Alpha 2-Antiplasmin 

Citrat-Plasma 

Ammoniak 

EDTA-Plasma 

Antithrombin 

Citrat-Plasma 

Antioxidative Kapazität 

Serum/Plasma 

Anti-Faktor Xa

Citrat-Plasma 

APC-Resistenz 

Citrat-Plasma 

Biotin (Vitamin H) 

Serum 

C1-Esterase-Inhibitor

Citrat-Plasma 

Calcitonin 

EDTA-Plasma/Serum 

c-AMP

EDTA-Plasma/Urin 

Corticotropin (ACTH) 

EDTA-Plasma 

C-Peptid

Serum 

D-Dimere 

Citrat-Plasma 

Dopamin

EDTA-Plasma/Urin 

Gastrin 

Serum 

Gerinnungsfaktoren 

Citrat-Plasma 

Glucagon 

EDTA-Trasylolplasma 

Histamin  

Urin, Heparinblut, EDTA-Plasma 

Homovanillinsäure 

Urin 

Insulin 

Serum 

Interleukine 

EDTA-Plasma/Serum 

Katecholamine 

Plasma/Urin 

Lupusantikoagulans 

Citrat-Plasma 

Malondialdehyd 

EDTA-Plasma 

Metanephrin

Urin 

Neopterin

Serum/Urin 

Noradrenalin 

EDTA-Plasma/Urin 

Normetanephrine

EDTA-Plasma/Urin 

Osteocalcin 

Serum 

Pankreatisches Polypeptid 

Serum 

PAPP-A 

Serum 

Plasminogen

Citrat-Plasma 

Parathormon

EDTA-Plasma 

Parathormon-related peptide

EDTA-Plasma 

Proinsulin

EDTA-Plasma 

Protein C

Citrat-Plasma 

Protein S

Citrat-Plasma 

Renin 

EDTA-Plasma 

Serotonin 

Plasma/Serum/Urin 

sIL-2-R (löslicher IL-2-Rezeptor) 

Serum 

Insulin like growth factor I (IGF I, Somatomedin C)

Serum 

Vanillinmandelsäure 

Sammelurin 

Vasoaktives intestinales Peptid (VIP) 

EDTA-Trasylolplasma 

Analyte, die lichtgeschützt verschickt werden

  • Beta-Carotin (Serum)
  • Bilirubin (Serum)
  • Neopterin (Serum)
  • Porphyrine (Urin, EDTA-Blut)
  • Vitamine A, B (alle), E, K, H

Verarbeitung und Lagerung von Urinproben

Urin ist ein einfach zu gewinnendes Untersuchungsmaterial. Aufgrund der extremen Variation des bei den täglichen Miktionen ausgeschiedenen Urinvolumens schwanken die Konzentrationen der unter­suchten Analyte von Probe zu Probe. Aus diesem Grunde können nur mit Urinproben, die über 24 Stunden gesammelt wurden (24-Stunden-Urin), klinisch relevante quantitative Analysen durchgeführt werden.

Man unterscheidet:

  • Erster Morgenurin ist der erste, gleich nach dem Aufstehen, gelassene Urin. Der Urin eignet sich gut für qualitative Untersuchungen (Teststreifen, Schwangerschaftstest, Sediment, mikrobiolo­gische Untersuchungen, Parameter des Knochenstoffwechsels).
  • Zweiter Morgenurin: Dieser Urin eignet sich auch für Teststreifenuntersuchungen und für Untersuchungen des Urinsediments. Für quantitative Bestimmungen von Metaboliten, Elektrolyten und Enzymen empfiehlt sich, die gemessenen Werte auf die Creatininausscheidung zu beziehen.
  • Spontanurin kann zu jeder Tageszeit erhalten werden. Der Urin wird für qualitative Anlysen ver­wendet.
  • 24-Stunden-Sammelurin wird vor allem für quantitative klinisch-chemische Untersuchungen wie der Creatinin-Clearance oder die Protein-Ausscheidungsrate verwendet.

Sammeltechnik für den 24-Stunden-Sammelurin:

  • Das Sammeln beginnt um 07:00 Uhr morgens
  • Der erste Urin wird verworfen. Von diesem Zeitpunkt an ist jede der folgenden Urinausscheidungen in dem Sammelgefäß zu sammeln
  • Der über die nächsten 24 Stunden ausgeschiedene Urin wird bis zur gleichen Uhrzeit wie am Vortag gesammelt. Nach Ablauf der festgesetzten Sammelzeit wird die Blase wieder entleert. Auch die­se Portion gehört in das Sammelgefäß und schließt die Urinsammlung ab
  • Sammelurine sind kühl und lichtgeschützt aufzubewahren
  • 24-Stunden-Urinproben müssen mit geeigneten Konservierungsmitteln stabilisiert und kühl gelagert werden
  • Das gesamte Urinvolumen muss korrekt gemessen werden

Materialien zum Sammeln, Lagern und für den Transport von Urinproben:

  • Urinröhrchen (Monovette) mit oder ohne Stabilisator, für die Lagerung und den Transport von geringen Urinmengen
  • Urinbecher sind in Größen von 100 bis 500 mL erhältlich
  • Urinsammelbehälter mit Weithalsöffnung, braun gefärbt zum Lichtschutz

 Urinsammelbehälter, aus dem eine Probe mittels Urinmonovette entnommen wird.

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Die Ansäuerung und das Alkalisieren von 24 h-Sammelurinen

Diese werden für die einzelnen Analyte wie folgt durchgeführt:

  • kein Zusatz bei der Messung von Elektrolyt-Ausscheidungsraten
  • kein Zusatz bei der Messung von Urat-Ausscheidungsrate
  • für die Messung der Ausscheidungsraten von Calcium, Magnesium, Oxalat, Citrat, Cystin und Kreatinin werden 60 ml Salzsäure mit einer Konzentration von 2 mol/L (etwa 7,5 % HCl) vorgelegt
  • kein Zusatz bei der Messung der Ausscheidungsraten von Metanephrin und Normetanephrin
  • für die Messung der Ausscheidungsraten von Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin, Vanillinmandel- und Homovanillinmandelsäure wird der 24 Stunden-Sammelurin mit 10 ml 10 %iger Salzsäure versetzt. Die Stabilität bei Zimmertemperatur beträgt dann 3 Tage
  • kein Zusatz bei der Messung der Ausscheidungsrate von freiem Cortisol
  • für die Messung der Ausscheidungsrate von 5-Hydroxyindolessigsäure werden 10 ml Eisessig vorgelegt; alternativ können auch 25 ml 25 %ige Salzsäure vorgelegt werden
  • kein Zusatz bei der Messung von Porphyrin- und 5-Aminolävulinsäure-Ausscheidungsraten

Liquor cerebrospinalis

Die Untersuchung des Liquors erlaubt einen direkten Zugang zu den pathologischen Prozessen in Gehirn und Rückenmark. Liquor wird in der Regel durch eine Punktion des Spinalkanals (Lumbal­punktion) gewonnen. Unabhängig von den beabsichtigten Untersuchungen sollte der Liquor in klaren, sterilen, verschließbaren Probenröhrchen aufgefangen werden.

Liquor muss nach der Punktion binnen 1 Stunde mikroskopisch untersucht werden, weil sonst die Leukozyten nicht mehr differenziert werden können. Für die Untersuchungen wird je nach Analyse­umfang 1 - 5 mL Liquor benötigt. Die Proben müssen gekühlt oder längerfristig tiefgefroren gehalten werden.

Literatur

Thomas, L.: Labor und Diagnose, TH Books Frankfurt/Main, 8. Auflage 2012: 2281 - 2283
Seelig, H-P. : Präanalityk, Labor Limbach Heidelberg, 3. erweiterte Auflage, 15 - 27, 35 - 103
Sarstedt : Tipps & Tricks in der Präanalytik, Sarstedt AG & Co, 2-45
Richtlinie der Bundesärztekammer zur Qualitätsicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen, Neufassung 2014
Medizinische Laboratorien-Anforderungen an die Qualität und Kompetenz (ISO 15189:2012, korrigierte Fassung 2014-08-15). Deutsche Fassung EN ISO 15189:2012

 

 

 

 

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